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Geschlechterverwirrungen

Was wir wissen, was wir glauben und was nicht stimmt

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Bibliografische Daten
ISBN/EAN: 9783593512204
Sprache: Deutsch
Umfang: 248 S.
Format (T/L/B): 1.6 x 21.5 x 14.2 cm
Auflage: 1. Auflage 2020
Einband: kartoniertes Buch

Leseprobe

Vorwort Was wir >wissen< - das ist manches Mal eher ein Glauben-zu-wissen, ein Dafürhalten, ein Das-weiß-man-doch, das weiß doch jeder?! Und dann verwechseln wir Glauben und Wissen, ohne es zu merken, und >wissen< zuletzt etwas, was gar nicht >stimmt< - wissen also etwas, was man eigentlich gar nicht wissen kann, eben weil es nicht stimmt. Gerade in Bezug auf Geschlechterfragen meinen die meisten Leute, sich auszukennen - betrifft es doch alle auf irgendeine Weise. Und wer glaubt, etwas zu wissen, prüft es auch eher nicht nach. Diese Erfahrung hat uns zu dem vorliegenden Buch motiviert. Die 32 Texte, die hier versammelt sind, befassen sich mit Fragen und Themen, bei denen das, was wir wissen, was wir glauben und was wir nicht wissen, häufig durcheinander gerät und sich vermischt. Die Beiträge, die von historischen über philosophische, von körperbezogenen bis zu politischen Themen reichen, wollen sachkundig informieren, seriös aufklären - und auch selber ein wenig verwirren, indem sie ihren Gegenstand von unterschiedlichen Seiten betrachten und entfalten und immer wieder zeigen, was wir nicht wissen. Wir wünschen unseren Leser*innen eine vergnügliche, interessante und durchaus auch lehrreiche Lektüre! Die Herausgeberinnen Geschlecht, Kultur, Religion Was ist eigentlich so >besonders< an Geschlecht und Geschlechtlichkeit? Barbara Rendtorff Das Besondere an Geschlecht, um das gleich vorwegzunehmen, ist die verwirrende Verquickung einer existenziellen Dimension mit einem riesigen Überbau von Zuschreibungen, Ausgestaltungen von >männlich< und >weiblich<, die historisch veränderlich sind, den Individuen aber gleichwohl als authentisch, naturwüchsig und normal erscheinen. Verwirrend ist diese Verquickung, weil sie den Einzelnen die Herausbildung einer eigenen Geschlechtlichkeit erschwert, und weil sie ein spezielles >logisches< Problem aufwirft: Auf der existenziellen Ebene sind bekanntlich zwei unterschiedliche Elemente notwendig, um Leben hervorzubringen - Samen und Eizelle, ein männliches und ein weibliches. Sonst gäbe es uns alle nicht. Dies scheint nun insgesamt eine zweigeschlechtlich geordnete Struktur nahezulegen, den Kurzschluss: Was an dieser Stelle stimmt, müsse auch für alles andere gelten. Aber dieser Schluss, so naheliegend er erscheinen mag, ist keineswegs zwingend - und das zu durchdenken, ist deutlich schwieriger als ein schlichtes Eins-zu-Eins von Natur und Kultur anzunehmen. Nicht zuletzt deshalb neigen viele dazu, sich den jeweiligen Erklärungen anzuschließen, die ihnen in ihrer Zeit und Umgebung als naheliegend und plausibel angeboten werden - und deshalb finden sich eben auch historisch höchst unterschiedliche >plausible Erklärungen<, die verdeutlichen, wie widersprüchlich, sogar antagonistisch hier argumentiert wird, und doch jeweils im Duktus einer >Wahrheit<. Hierzu einige Schlaglichter. Der Leib und das Sexuelle Die existenzielle Dimension der menschlichen Natur, die Geburtigkeit, hat als Kehrseite natürlich auch die Sterblichkeit - Menschen müssen sterben, weil sie geboren wurden, sonst wären sie wie die Götter unendlich. Auch die Endlichkeit ist also im Bedeutungshorizont des Sexuellen enthalten, ebenso wie das Unplanbare, Unvernünftige der erotischen Anziehung und das auflösende, entgrenzende Moment im sexuellen Genießen. Dies scheint mir ein Grund dafür zu sein, warum Geschlechtlichkeit in unserer Gesellschaft so dramatisiert und kontrolliert wird - ist sie doch ein lebendiger Einspruch gegen Abgegrenztheit, Steuerbarkeit, Plan- und Beherrschbarkeit und damit eine Quelle ständiger Beunruhigung: Je unsicherer das Gefüge einer Gesellschaft, desto rigider kontrolliert sie den Bereich des Sexuellen. Auch die routinemäßige Verknüpfung von Sexualität und Begehren mit einem andersgeschlechtlichen Anderen ist als Konvention Teil dieser gesellschaftlichen Ordnungsbemühungen. Wenngleich manche alten Mythen eine naturgemäße heterosexuelle Anziehung behaupten, so gilt dies doch nur für den Gattungse